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geniessen_und_reisen_02_2016

Tee trinken ist eine angenehme und gesunde Alternative zum übermäßigen Konsum von Kaffee, Fruchtsäften und Softdrinks. Wer wissen möchte, wo Tee herkommt, sollte nach Sri Lanka fahren. Hier in Ceylon – so lautete der Name Sri Lankas bis 1972 – ist auch lange nach Kolonialzeiten noch vieles „very british“ – das Wetter, der Tee und die Architektur. Hoch im Bergland machten die Engländer schon im vor-letzten Jahrhundert Sommerfrische. High Society im Urlaub Rotgolden und mit vorgewärmter Milch dezent vermengt, duftet der Tee in meiner Tasse. Vor mir steht eine silberne Etagere mit krustenlosen Sandwiches, die mit Gurke, Räucherlachs und Frischkäse belegt sind, sowie Scones (Gebäck) mit Konfitüre und „Clotted Cream“ (Streichrahm). Ein livrierter Ober reicht mir eine weiße Stoffserviette. Ich sitze auf der Terrasse vom Grand Hotel in Nu-wara Eliya und blicke auf gepflegte Rasenflächen, Rhododendren, Rosenbeete und Obstbäume. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich mei-nen, ich sei in „God´s Own Country“ – England. Das ist jedoch nicht der Fall. Ich bin ganz woan-ders, nämlich in Asien, in Nuwara Eliya, Sri Lankas höchstgelegenem und „englischstem“ Bergkurort (1.889 m). Das kleine Städtchen mit rund 25.000 Einwohnern befindet sich inmitten von Teeplan-tagen und erstreckt sich weitläufig über ein Pla-teau. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wusste kaum jemand von dieser Hochebene. Hier waren Hirsche, Elefanten und Leoparden unter sich. Landvermesser waren es, die auf das angeneh-me Klima mit Durchschnittstemperaturen um die 16 Grad hinwiesen. So wurde der englische Gou-verneur Sir Edward Barnes darauf aufmerksam und ließ 1828 eine Straße und eine Herberge für Kranke und Rekonvaleszente bauen, um ih-nen eine lange Reise nach England zu ersparen. 20 Jahre später entdeckte Sir Samuel Baker (der spätere Erforscher der Nilquellen) den kleinen Ort, rodete den Dschungel drum herum und legte Fel-der und Wiesen an. Der Boden, bestehend aus einer tiefen Schicht schwarzen Mutterbodens über gelbem Lehm und Kies, versetzte jeden Gärt-ner in Euphorie. „In den Augen von Europäern und Siechenden ist es der Himmel von Ceylon“, schrieb 1859 Sir James Emerson Tennent über Nuwara Eliya. 1875 fand im neu erbauten Hippodrom das ers-te Pferderennen statt, der Hill Club versorgte die Mitglieder mit englischem Lifestyle. Die Kolonial-beamten ließen sich Cottages bauen, die ebenso in Cornwall oder Yorkshire hätten stehen können. Aus Nuwara Eliya – „Königliche Stadt des Lichts“ wurde „Little England“. Zentrum bis heute ist die Marktgegend rund um die New Bazaar Street. Dort liegen auch das Post Office, der Victoria Park, der Botanische Garten und der 18-Loch-Golfplatz. Höhepunkt der Tourismussaison ist das singhale- sische Neujahr (April-Vollmond). Dann können sich die Hotelpreise vervielfachen. Nuwara Eliya ist jedoch nicht nur als „Sanatorium Ceylons“ welt-berühmt, sondern auch für seine „Tea Factories“, die überall im Bergland zur Besichtigung, Verkos-tung und Kauf einladen, z. B. „Pedro Tea Estate“ aus dem Jahr 1885. Geschichte und Fakten Die ersten Sprösslinge von Teepflanzen kamen Mitte des 19. Jahrhunderts nach Sri Lanka. Sie stammten aus Assam in Indien. Bis dahin wurde in Sri Lanka Kaffee angebaut. Doch eine Rostpilz-seuche vernichtete die Plantagen vollständig. So sattelten die britischen Kolonialherren auf Tee um. 1870 konnte der Schotte James Taylor zum ersten Mal Tee erfolgreich anpflanzen. Denn durch die britische Eroberung des Königreiches von Kandy im Jahre 1815 standen große Flächen zur Verfü-gung, welche sich mit ihrem feuchten Klima, Nie-derschlägen in der Nacht und Sonne tagsüber, hervorragend für den Anbau von Tee eigneten. Der erste Teegarten hieß „Loolecondera“ und lag ungefähr an derselben Stelle wo sich heute „Pe-dros Tea Estate“ befindet. Viele der Tee-Büsche sind bereits weit mehr als 100 Jahre alt und liefern immer noch besten Tee. Taylor selbst, ein rastlo-ser Querkopf und trinkfester Junggeselle erlebte bis zu seinem Tod 1892 den rasanten Anstieg des Exports auf 22.900 Tonnen und begründete eine folgenreiche Partnerschaft mit Sir Thomas Lipton, der ihn 1890 besuchte. Sir Lipton hatte die Produktpalette im Lebensmittelhandel seiner Familie, die allein in London über 70 Geschäfte besaß, 1888 um Tee erweitert. Als findiger Mar-ketingstratege packte er Teemischungen ab und verkaufte sie unter seinem Namen als „Marken- 83 Fotos: Schön Sri Lanka


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