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geniessen_und_reisen_02_2016

Polster und Lüstern, andere erinnern nurmehr an den einstigen Prunk. Abgenutzt und nachgedun-kelt verschafft das diesen Orten ihre besondere Atmosphäre. Diese entsteht auch durch die vielen Geschichten, die sich um sie ranken: Um 1900 gingen etwa die Kaffeehaus-Literaten in die Ge-schichte ein: Sie nutzten die Kaffeehäuser nicht nur als Treffpunkte, sondern erwählten sie sogar zum Arbeitsplatz, etwa Peter Altenberg, der sein Stamm-Lokal, das Café Central im Palais Ferstel, auf seine Visitenkarte als Anschrift setzte und den noch heute dort ein Denkmal ehrt. Vor den Schriftstellern waren schon die Komponisten da: Johann Strauß, Sohn und Vater, aber auch Mozart und Beethoven präsentierten dort ihre Werke. Wo Intellektuelle und Lyriker Anfang des 20. Jahr-hunderts ihre Kaffeepause zelebrierten, z. B. im ehemaligen Café Beethoven in der Universitäts-straße, lädt heute das Stadtkind zur schicken Ein-kehr. Das Lokal in der Innenstadt nutzt die Ge-mütlichkeit dieses Kaffeehauses für ein modernes Gastronomiekonzept. Das Küchenteam spielt mit mediterranen Spezialitäten und Wiener Tradition: Da treffen getoastete Vollkorn- und Weißbrot-scheiben oder ofenwarme Laugenstangerl auf Ziegenkäsecreme mit karamellisierten Jungzwie-beln und Sonnenblumenkernen, Curry-Ei oder Bergkäse mit Melanzani, getrockneten Tomaten und Chili. Für den größeren Hunger stehen etwa Farfalle mit Limettenmascarpone, Peperonata und Chili oder Salat zur Wahl. Frühstück gibt es für Langschläfer bis Lokalschluss um Mitternacht. Nicht zuletzt lebt die vielfältige kulinarische Kul-tur Wiens neben der Kaffeekultur auch von den Weinbergen der Stadt. Ganze 700 ha Fläche neh-men die Weingärten innerhalb der Stadtgrenzen ein. Zu 80 % wächst hier Weißwein, eine Spezialität ist der Wiener Gemischte Satz. Der Weinanbau prägt die lebendige urbane Weinszene und natürlich die Tradition der Heurigen-Lokale in und um Grinzing. Nette kleine Bummelzüge bringen Gäste zum Besuch der Weinlokale an den Stadtrand. Über dem Eingangstor zeigt der tra-ditionelle „Buschen“ an, ob der neue Wein zum Ausschank bereitsteht. Dazu gibt es dann kleine Gerichte wie einen Knödel mit Sauce zu echt erschwinglichen Preisen vom Buffet. An diesen beiden Details – zum Buffet geht man selbst und zahlt direkt dort – erkennt der Fremde, ob es sich um einen originalen Heurigen handelt oder eines der vielen Touristen-Lokale, die eine Speisekarte wie im Restaurant anbieten. Wer fremd ist, muss auch hier erst einmal die Gepflogenheiten vor Ort kennenlernen. Wien und seine Küche, seine Traditionen und seine genussvolle Lebenskultur warten darauf, entdeckt zu werden. Es lohnt sich. Versprochen! F. König www.wien.info/de www.trzesniewski.at www.ramien.at www.club-passage.at www.neni.at www.mottoamfluss.at www.goodmann.at www.copacagrana.com www.kju-bar.at www.volksgarten.at www.u-4.at www.cafesperl.at Genießer-Adressen: Wem dann nach Clubbing ist, muss nur ums Eck auf die Wienzeile ins Goodmans: das Kaffeehaus verbirgt im Keller eine berühmtberüchtigte Disco, die schon Falco zu ihren Stammgästen zählte. Weitere Kultdiscos sind der Volksgarten und das außerhalb gelegene U4. Hipster treffen sich in der Babenberger Passage. Für den späten Hunger gibt es die Würstelstände an der Staatsoper oder am Hohen Markt (Stephansplatz) nahe des „ Bermuda Dreiecks“, ein Ausgehviertel mit Cocktail-Bars und Trinklokalen. Wer in einer der Bars und Clubs, z. B. in der Kju-Bar, in den Stadtbahnbögen tanzt, holt sich seinen Mitternachtsimbiss am Leo, der Imbiss an der U-Bahn-Station Nussdorfer Straße. Wer die Nacht geruhsam ausklingen lassen möchte oder schon ein Frühstück braucht, sucht in Wien natürlich ein Kaffeehaus (Betonung auf ee) auf. Kulinarik als Kultur Die Öffnungszeiten der Kaffeehäuser – von früh-morgens bis Mitternacht – sind erstaunlich. Ein-mal entschieden, ob Kleiner Schwarzer, Kapuzi-ner, Einspänner oder Melange – die Liste der Kaf-fee- Spezialitäten ist noch viel länger – benimmt sich hier ein jeder wie in seinem Wohnzimmer: Kleine Speisen, süß oder pikant, machen einen ausgedehnten Aufenthalt im Kaffeehaus so richtig angenehm. Neben Tagesgerichten, Würstchen mit Senf oder Snacks sind das die Mehlspeisen, fast immer hausgemacht, oft nach geheimer Re-zeptur. Einige von ihnen sind weltberühmt, wie die Sachertorte oder die Kunstwerke der k.u.k Hofzuckerbäckereien Demel und Gerstner. Dazu schmeckt die bei Wienern und Touristen beliebte Melange, ein kleiner Espresso mit Milchschaum serviert. Der Franziskaner kommt mit Sahne an-statt des Milchschaums auf den Tisch und der Einspänner ist ein doppelter Espresso mit einem Schluck Wasser und Schlagsahne im Henkelglas. Partymenschen treffen frühmorgens auf Zeitungs-leser. Später kommen die Einsamen, die Gesell-schaft zum Alleinsein suchen, in mitgebrachten Büchern schmökern, WLAN nutzen, und über-haupt jeder, der Privates oder Geschäftliches zu besprechen hat. Wieder andere kommen zum Ausruhen, zum Spielen am Billard- oder Karten-tisch, um sich zu stärken oder schlicht zum Se-hen und Gesehen-Werden. Warum auch immer die Wiener in ihre Kaffeehäuser gehen – sie sind eine Institution und das Kaffeetrinken ist hier Kult, ein umfassendes Lebensgefühl. Mit dem Eintre-ten, etwa ins Café Sperl, bleiben Alltagsstress und Großstadthetze zurück. Plüschbänke stehen um Marmortische, auf dem Parkett scharren Thonet- Stühle. Spiegel reflektieren mild gedämpftes Licht, ein Sonnenstrahl bricht sich im Raum. Manche Kaffeehäuser sind prunkvoll eingerichtet, mit Samt, 47 Fotos: König, WienTourismus/ Peter Rigaud


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