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geniessen_und_reisen_02_2016

zig eine Schneidmaschine unterstützt bis heute die Handarbeit in mittlerweile zehn Filialen, z. B. an Bahnhöfen und in Einkaufscentern. Die Rezepte für die Aufstriche sind seit jeher geheim. Es wird gemunkelt, der Erfolg habe mit der Art, die Eier zu kochen, zu tun. Seit den 1970ern gibt es die Bröt-chen in praktischen Boxen zum Mitnehmen. Wer noch mehr Traditionen kennenlernen mag, nimmt sein Mittagessen in einem Wiener Beisl ein. Charakteristisch sind dessen geräumige Schank zum Wein kühlen und Bier zapfen, die dunkle Holzvertäfelung, einfache Tische und Sessel und sein breites Publikum. Fritatten- und Grießno-ckerlsuppe, Schnitzel und Innereien, Gulasch und Mehlspeisen wie Palatschinken und Kaiser-schmarrn bestimmen die Speisekarte. Großartige Beispiele sind seit über 100 Jahren das Steman im 6. Bezirk, das Rebhuhn im 9. Bezirk oder das Gasthaus Wild im 3. Bezirk, das zum häufig anzutreffenden Typus der Eckbeisln (an Straßenkreuzungen) gehört. Absolut authentisch mit Wiener Schnitzel, gerösteter Leber, Beinfleisch und Blutwurst geht es im Ubl im 4. Bezirk in der Nähe des Naschmarkts zu. Gleich ums Eck liegt das Gasthaus Wolf, ebenfalls mit ausgezeichneter Küche, einer hübschen Schank, Resopaltischen und grüner Vertäfelung. Die Wiener Küche ist übrigens ein eigenständiger Speisenstil, der sich aus verschiedenen Einflüssen – man denke an die k.u.k.-Zeit – zusammensetzt und so die Fantasie großer und kleiner Köche immer wieder aufs Neue anregt. Auch für Spitzenköche eine Inspi-rationsquelle: Christian Petz etwa verwirklicht sie im Petz im Gußhaus. In dem eher unscheinbaren Lokal serviert er eine der besten Beislküchen der Stadt. Ob Beim Czaak im 1. Bezirk, im Skopik & Lohn am Karmelitermarkt, das Wiener Küche mit einem Hauch Frankreich vermischt, oder das Glacis Beisl im MuseumsQuartier – hier gelingt der Spagat zwischen (Post-)Moderne und Tradition. Freiraum in der Stadt Wenn die Sonne scheint, spielt sich in Wien viel draußen ab: Tagsüber locken zwischen 1. März und 15. November rund 1.800 Schanigärten: Sie liegen in unmittelbarer Nähe zum eigentlichen Lokal, etwa auf einem Platz, in der Fußgänger-zone oder auch auf breiten Gehsteigen – immer auf öffentlichem Grund. Den ersten eröffnete Johann Jakob Taroni 1754 auf dem Graben in der Innenstadt als Limonadenzelt. Schani ist die Wie-nerische Abkürzung für Johann. Andere leiten das Wort vom Ruf nach dem Piccolokellner her, der früher oft Jean (Schani) gerufen wurde. Die mo-bilen Gaststätten bekommen Blumenkästen als Zaun; Sonnenschirme sind schnell aufgestellt. In den urbanen Oasen lockt das Sehen und Gese- Fotos: König, Motto am Fluss, WienTourismus/ Hertha Hurnaus, WienTourismus/ Christian Stemper


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