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geniessen_und_reisen_02_2016

verloren haben. Die wichtigsten Ursachen sind: 1. Als Kind haben wir keine glücklichen Eltern er-lebt (weniger als 5 % aller Väter und Mütter waren glücklich). Dieses Vorbild wirkt nach, auch wenn die Frau oder der Mann sagt: ‚Ich will es ganz anders machen“. 2. Keiner hat in der Kindheit gelernt, „nein“ zu sagen, wenn etwas nicht stimmig erschien für das eigene Herz. Darum sagen auch Erwach-sene immer noch dort ‚Ja‘, wo sie eigentlich ‚Nein‘ sagen wollen und verraten ständig ihr Herz. 3. Aber das Wichtigste ist, dass wir uns selbst nicht lieben mit allem an und in uns. Unbewusst lehnen sich die meisten Menschen selbst ab und viele hassen sich sogar. Das sich Sorgen machen ist ein Erbe unserer Mütter. Die verwechseln das heute noch mit Liebe. Dabei hat noch keine Sorge irgendetwas Gutes bewirkt für den Umsorgten. Sorgen sind verdeckte und verdrängte Ängste des Menschen, der sich Sorgen macht. Sie haben einmal gesagt, unser Leben sei eine Reise zu uns selbst und unser Herz sei unser Reiseführer. Wie meinen Sie das? Wir starten doch ohne Betriebsanleitung für ein glückliches Leben und haben null Ah-nung, wer wir sind oder was in uns steckt. Was wir über uns denken, haben wir von an-deren gehört und das war selten Positives. Jede Erfahrung, besonders schmerzhafte wie Enttäuschungen, Verluste, Krisen aller Art, ha-ben das Potenzial, dass wir uns selbst auf die Schliche kommen und uns korrigieren können. Unsere Eltern, die ihr Bestes gegeben haben, wussten nicht, dass wir jeden Tag die Gestalter unserer inneren wie äußeren Lebenswirklichkeit sind. Immer mehr Menschen verstehen dies. So werden aus gefühlten ‚Opfern‘ immer mehr wert-schätzende Mitmenschen, die sich selbst lieben. Wie weit sind Sie auf Ihrer persönlichen Reise zu sich selbst? Da ich den Weg, der vor mir liegt, nicht über-schauen kann, kann ich Ihnen diese Frage nicht beantworten. Ich kann nur sagen: Ich bin sehr gut auf meinem Weg zu meinem Kern. Ich bin durch manche Krise gegangen, habe einige Tests des Le-bens bestanden und bin mir treu geblieben, egal was andere dazu sagen. Sie haben eine besondere Beziehung zur griechischen Insel Lesbos. Was zieht Sie dorthin? Das ist eine interessante Geschichte. Ich hatte bis zum Jahr 1999 noch nie davon gehört. Nachdem ich zwei Jahre auf Patmos war, einer sehr kleinen und berühmten Insel, sprachen mich drei Frauen in einem Jahr unabhängig von einander an und sagten: „Robert, du musst mal nach Lesbos“. Und ich sagte mir: Wenn drei Frauen dir das gleiche sagen, dann sollte ich vielleicht darauf hören. Das habe ich bis heute nicht bereut. Im Jahr 2000 habe ich auf Lesbos meine ersten Urlaubsseminare durchgeführt unter dem Titel „Mich selbst lieben lernen“. Morgens drei Stunden Seminar, nach-mittags Gruppenarbeit und abends in einer urigen griechischen Ta-verne. Das ist das Äußere. Aber das Innere ist viel wichtiger. Ich habe selbst schnell ge-spürt, dass diese Zum Genuss gehört Muße, und die haben viele verlernt durch Sprüche wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Zum wirklichen Genießen gehören Insel eine ganz außerordentliche Energie besitzt, die jedem Kraft gibt und zu sich selbst führt. Die weit über 2000 Jahre alten Heilquellen haben schon die Römer begeistert. Vier Wallfahrtsorte deuten ebenso auf die beson-dere für mich Liebe, Freude und Dankbarkeit. Energie hin, die in der Insel gespeichert ist. War sie bisher eher unbekannt, ist sie nun durch die vielen Flüchtlinge bekannt geworden, denen die Insel den Weg in ein neues Leben gebahnt hat, da sie so nah vor der türkischen Küste liegt. Dies war und ist für die Insel und ihre Bevölkerung eine riesige Herausforderung. Hier haben die EU und die UN bisher zu wenig getan, um die Griechen zu unterstützen. Auf unsere Seminare, die für die Bevölkerung eine wirtschaftliche Unterstützung sind, haben die Flüchtlinge keinen großen Einfluss gehabt. Sie kann ich jedem empfehlen, der sich entscheidet, seinem Leben eine neue Richtung zu geben mit Friede, Freude und Gesundheit. Wie entspannt sich Robert Betz auf Lesbos? Morgens, nach einem ersten Bad im Meer, schrei-be ich gewöhnlich ein paar Stunden bis spätes-tens Mittag. Danach geht’s in eine Taverne oder gleich wieder an den Strand. Nachmittags ent-weder Wandern, baden in der heißen Therme inkl. Massage und am Abend treffe ich entweder Freunde bei einem guten Essen oder gönne mir ein schönes Buch. Ich bin im Urlaub meist um 22.00 Uhr im Bett und stehe um fünf auf. Der Hahn meines Nachbarn weckt mich auch mal um vier oder früher. Ich liebe die stillen Morgenstunden, wenn es noch dunkel ist und die Sterne funkeln. Gibt es ein Reiseziel, das Sie noch besonders reizt und das Sie unbedingt sehen wollen? Ich überlass die Ziele meinem Herzen und schlage nur eine Rich-tung ein, in die ich gehen möchte. Nur der Kopf will sich Ziele setzen. Unser Herz führt uns viel weiter, wenn wir uns darauf einlassen. Ich brauche kein Reiseziel in den kom-menden Jahren. Mein stetiges Unterwegs sein in vier Ländern und alle sechs Wochen auf meine In-sel ist einfach wunderbar und stimmig. Ich habe bisher alle Einladungen ins weitere Ausland abge-lehnt. Nach zehn Jahren des Wanderns freue ich mich jetzt aufs Ankommen. Aber was mein Herz morgen sagt, vielleicht zu den Pyramiden, nach Jerusalem, Machu Picchu oder zu einem der an-deren großen Kraftorte, das kann ich mir schon vorstellen. Mein Herz wird’s mir schon flüstern. www.robert-betz.com Herr Betz, wir danken Ihnen für das Gespräch. DAS Das Gespräch führte Nadine Diab. Fotos: Sascha Dickreuter Schenken


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