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geniessen_und_reisen_02_2016

Das oberste Gebot der Braukunst ist unerschütterlich! Oder etwa nicht? Anlässlich des des 500. Jubiläums des Deutschen Reinheitsgebots, werden von verschiedenen Seiten Zweifel laut. Selbstverständlich wird Bier in Deutschland heute nicht mehr so gebraut wie anno 1516. Holzbottiche und offenes Feuer sind verschwunden – und die Gefahr, einem verant-wortungslosen Gesellen zum Opfer zu fallen, der seinen Sud mit Tollkirschen oder ähnlich abenteu-erlichen Zutaten würzt, ist verschwindend gering. Heutzutage wird Bier in modernen Brauereien unter höchsten hygienischen Standards gebraut. Zwar werden nach wie vor die vier natürlichen Zu-taten sorgsam ausgewählt und kontrolliert, doch wachen heute zusammen mit den Braumeistern auch Computer mit Fühlern und Sensoren über alle Prozesse. Ist das Reinheitsgebot deshalb Ge-schichte? – ein Relikt aus früheren Zeiten? Aus den Reihen der Craft-Beer-Brauer wird mitunter der Vorwurf laut, das Reinheitsgebot sei ein Hemmnis für Innovationen oder schlicht zum Marketingins-trument der Industrie verkommen. Fluch und Segen Konfrontiert man die Industrie mit diesen Vor-würfen, zeigt sich ein differenziertes Bild, das sich nicht so recht schwarz oder weiß zeichnen lässt. Für den Platzhirsch der Brauindustrie ist das Reinheitsgebot Fluch und Segen gleichermaßen: „Im Inland verhindert es die Weiterentwicklung der Kategorie Bier und beschränkt die Brauerei-en. Es kann zwar über verschiedene Hopfenarten geschmacklich gefeilt werden, die Grundzutaten bleiben immer die gleichen,“ erklärt Oliver Bar-telt, Unternehmenssprecher von Anheuser-Busch InBev Deutschland. „Weltweit gibt es extrem in-teressante Biere auf Basis anderer Getreidearten wie Reis oder Mais. Der Einsatz solcher Rohstoffe ist in Deutschland nicht möglich. Gleichzeitig ist das Reinheitsgebot für das Auslandsgeschäft ein absolutes Alleinstellungsmerkmal weltweit und gleichzeitig ein Gütesiegel.“ Dem schließen sich bei weitem nicht alle Brauer an. Ihrer Meinung nach lässt das Reinheitsgebot auch 500 Jahre nach seiner Festschreibung noch genug Spiel-raum. „Das Reinheitsgebot lässt eine wundervolle Vielfalt zu, die jeder ambitionierte Brauer für sich individuell zu nutzen weiß“, bestätigt Dr. Volker Kuhl, Geschäftsführer Marketing und Vetrieb der C. & A. Veltins Brauerei. „Weltweit gibt es rund 170 Hopfensorten, 200 Hefestämme und über 40 verschiedene Malzsorten, die sich zum Bierbrauen eignen. Experten haben errechnet, dass es mehr als eine Million Möglichkeiten gibt, ein Bier nach dem Reinheitsgebot zu brauen.“ Die gleiche Meinung vertritt Martin Glaab von der Klosterbrauerei Andechs. Auf dem Heiligen Berg Bayerns ist das Reinheitsgebot ein wichtiger Teil klöstelicher Brautradition: „Die Verbindung unserer klösterlichen Brautradition mit dem Bay-erischen Reinheitsgebot ist für viele unserer Gäste und Kunden ein wichtiges Qualitätsmerkmal der Andechser Klosterbiere. Außerdem werden nach Angaben des Bayerischen Brauerbundes 98% der Craftbiere nach dem Reinheitsgebot gebraut.“ Tatsächlich gehen die Mönche beim Brauen ihres traditionellen Suds noch einen Schritt weiter. „Wir sind sogar noch etwas strikter, als es das heutige Bierrecht auf Basis des Bayerischen Reinheitsgebo-tes zulässt. Wir verwenden z. B. grundsätzlich kein Röstmalzbier, um die Farbe unserer dunklen Biere konstant zu halten, sondern ausschließlich dunkle und daher auch teurere Malze, die mit für die har-monische Vollmundigkeit unserer Biere sorgen.“ Aus den „Leitplanken“, die das Reinheitsgebot vorgibt, haben die deutschen Brauer bis heu-te rund 5.000 Biere entwickelt. Das zeuge von Kreativität, meint auch Georg Schneider. Er ist nicht nur geschäftsführender Gesellschafter von Schneider Weiße, sondern auch Präsident der „Freien Brauer“ und Vizepräsident von „Brewers of Europe“. Den Vorwurf, sich auf den Lorbeeren des Reinheitsgebots auszuruhen, will er so nicht stehen lassen. „Derjenige, der den Reinheitsge-botsbrauern vorwirft, es sei ein Marketinginstru-ment, der muss sich eigentlich den Vorwurf ge-fallen lassen, dass er die Kreativität nicht besitzt aus bestehenden Leitplanken etwas zu machen.“ Kreativ trotz Leitplanken Auch andere Brauer lassen den Vorwurf mangeln-der Kreativität nicht auf sich sitzen und schicken sich an, neue Braustile zu finden, die sich mit den Vorgaben vereinbaren lassen. „Das deutsche Reinheitsgebot sollte nicht als Dogma gesehen werden, sondern als Teil unserer weltbekannten Bierkultur, zu der vor allem eine enorm große Biervielfalt gehört, spannende regionale Bierstile sowie ein hoher Qualitätsanspruch,“ bestätigt Tim 103 Fotos: © Artem Shadrin - Fotolia.com, Michaela Schöllhorn/pixelio.de, Bayerischer Brauerbund


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