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geniessen_und_reisen_02_2015_neu

Angemerkt Nur Essen? Oder Lifestyle und Trend? Lebensmittelallergien und -unverträglich-keiten boomen. Wir kennen mittlerweile alle jemanden mit einem postmodernen Ess- Problem, eventuell haben wir selbst eines? Wir reagieren mit Kopfweh auf Rotwein, Tomaten verursachen uns Bauchweh, Nüsse häufig Hautausschläge. Viele Menschen kennen die Ursache für ihr Magenbrummen, die rinnen-den Nasen oder Juckattacken noch gar nicht. Auf den ersten Blick entsteht bisweilen der Eindruck, die Zunahme all dieser Unverträg-lichkeiten könnte mehr mit dem Zeitgeist als mit Ernährung oder Medizin zu tun haben. Etwa 20 Prozent der Menschen in Deutschland sind tatsächlich laktoseintolerant, aber jeder Zweite glaubt inzwischen, es zu sein! Man fühlt sich teilzeitintolerant, wenn man sich mal was wirklich Gutes tun will und zufällig an einem „....-frei“-Regal vorbei kommt. Laktosefrei und „ein Soja Latte bitte“ klingt irgendwie modern, nach Ich-habe-das-auch: einen edlen Körper, in den ich nicht einfach alles reinstopfen darf. Die allgegenwärtige Ernährungspropaganda zu gesundem und ungesundem Essen, zu Idealgewicht und perfekten Körpermaßen hat heutzutage fast ersatzreligiöse Ausmaße ange-nommen. Auf der einen Seite agieren die Ver-fechter von Bio-Kost und die Kalorienjunkies, auf der anderen Seite postulieren Vegetarier und Veganer den fleischfreien Verzehr, um mit ihrer Ernährungsideologie auch die Welt mit zu verbessern. Daneben gibt es noch weitere, sehr spezielle Ernährungsformen, die vornehmlich der Profilierung der Persönlichkeit dienen, z. B. die Rohkost- oder Steinzeit-Diät. Eher harmlos erscheint dagegen die LowCarb-Fraktion, die glaubt, mit wenig Kohlenhydraten sei der „gol-dene Weg zum Ernährungsglück“ gefunden. Und dazwischen schießen an jeder Ecke Hans-im- Glücks mit individuellen Hamburgern aus dem Boden, in denen man reservieren sollte, um ja auch wirklich einen Platz zu bekommen. Ergänzend dazu gab es noch nie so viele Spe-zialpublikationen zum Thema Fleisch... Kein klar denkender Wissenschaftler würde seine Hand dafür ins Feuer legen, dass irgendeine Ernährungsform einen Menschen länger gesund leben lässt. Denn die kritische Analyse von über 500 aktuellen Studienergeb-nissen der letzten sechs Jahre zeigte unmiss-verständlich: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, dass irgendeine Ernährungsform oder gar ein Lebensmittel krank, gesund, schlank oder dick macht. Denn niemand weiß wirklich, was „gesunde“ Ernährung ist. Eigentlich weiß unser Körper genau, was gut für uns ist. Das klingt simpel, ist aber heut-zutage gar nicht mehr so leicht zu erkennen. Es kommt einem so vor, als wäre alles grenzenlos schwierig. Ist Weizen prinzipiell schlecht? Kann ich nachts noch einen Teller Spaghetti essen ohne dick zu werden? Vertrockne ich, weil ich es nicht schaffe, jeden Tag 2 Liter Wasser zu trinken? Bekomme ich leichter Krebs, weil ich gerne Fleisch esse? Umgeben von schier endloser Auswahl, überflutet von widersprüch-lichen Tipps und Studien und ständig unter Zeitdruck, gerät schon die Wahl des „richtigen“ Joghurts zum Stressfaktor. Es geht nur mehr um Überzeugungen. Können wir uns selbst nicht mehr über den Weg trauen? Unser Körper ist keine Maschine – nicht immer ist die Schüssel Salat „heilbringend“. Bei der Lebensmittelwahl sollten wir auf Kopf, Gefühl und Bauch hören. Wenn wir essen, liefern wir dem Körper schließ-lich nicht nur den „Kraftstoff“, auch unsere Psyche hat ein Wörtchen mitzureden. Manch-mal kann für mich eine Tasse Kaffee besser sein als ein Apfel, weil ich mit dem Kaffee mehr Wohlgefühl vermittelt bekomme. Mein Körper freut sich über das Endorphin und ich habe neue Kraft gesammelt. Zu einer ausgewogenen Ernährung gehören auch die Lust am Essen und der gelegentliche Regelbruch. Lassen wir uns also nicht verrückt machen. Genießen wir das Essen und das Trinken! Die Mischung macht‘s. Annemarie Heinrichsdobler Chefredakteurin 3


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