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geniessen_und_reisen_01_2017

lionen von Göttern, kein Glaubensbekenntnis und keine klare, in sich geschlossene Lehre. Die oberste Gesamtgottheit verkörpert sich in einer Dreiheit auf Erden: Sie setzt sich zusammen aus Brahma, dem Schöpfer der Welt, Vishnu, dem Beschützer und Lebensspender und Shiva, dem todbringenden Gott der Zerstörung. Die Hindu-Religion Balis ist in ihren Grundzügen dem Hinduismus zuzuordnen, unterscheidet sie sich doch in der praktischen Anwendung sehr stark von dem Hinduismus, der in Indien praktiziert wird. Beobachtet man im dichten Verkehr der Hauptstadt die Menschen in ritueller Kleidung bei zeremoniellen Handlungen, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt. Opferschalen – mit Hingabe aus Palmblattstreifen und Bananenblättern geflochten – geschmückt mit Reis und Räucherstäbchen sollen die Götter gütig stimmen. Bali erfindet sich immer wieder neu, bleibt sich aber auch treu. Religion ist hier Alltag – sie ordnet das Leben der Familie, des Einzelnen, der Dorfgemeinschaft. Die Teilnahme an religiösen Zeremonien oder Tempelfesten ist für jeden Balinesen Pflicht, eine Gefährdung des göttlichen Schutz für seine Familie und sein Ansehen kommt ihm nicht in den Sinn. Das Leben der Balinesen wird ebenso durch Kunst beeinflusst: Kunst gehört neben den Ritualen und Riten, die die Götter gnädig stimmen sollen, zum Leben. Dabei handelt es sich um traditionelle balinesische Kunst. Die Fertigkeiten werden seit Generationen weitergegeben. Viele Einheimische sind Maler, Holzschnitzer, Musiker oder Tänzer. Spirituelles Ubud Die Kleinstadt, die als das spirituelle Zentrum Balis bekannt ist, liegt im Herzen der Insel, etwa 30 km nordöstlich und eine Autostunde vom Flughafen Denpasar entfernt. Die Umgebung von Ubud ist üppig, grün und reich an kulturellem Erbe. Holzschnitzer, Maler, Silberschmiede, Maskenhersteller und andere Handwerker finden sich in Ubud und den umliegenden Dörfern. Die Leidenschaft und Liebe für ihre Kunst und Kultur ist es, was diesen Teil der Insel so besonders macht. Das Zentrum besteht aus einer belebten Einbahnstraße, gesäumt von Geschäften, Restaurants und vielen Menschen. Am südlichen Ende befindet sich der Sacred Monkey Forest und am nördlichen Ende der Straße (Jalan Raya Ubud) der Königspalast. Entlang dieser Einbahnstraße gibt es die meisten Restaurants und Cafés. Ubud ist ein Hafen für Vegetarier und Veganer, fleischfreie Waren sind überall vorhanden. Nicht zu verpassen sind daher folgende kulinarische Empfehlungen: Alchemy, Locavore, Clear Cafe oder Melting Wok Warung. Eine besondere Übernachtungsgelegenheit, die Einblicke in die Wirklichkeit der Menschen bietet, Bali lässt sich bei Privatleuten finden. Der Gast erhält ein sauberes Bett, ein besonderes Frühstück sowie Einblick in den Alltag einer balinesischen Familie. Einen Motorroller zu mieten, ist der effizienteste Weg, um Ubud und das Umland – etwa den Campuhan Ridge Walk oder die Tegalalang- Reisterrassen mit dem heiligen Affenwald eine der Top-Attraktionen Balis – kennenzulernen. In der Rollerenklave fahren alle motorisiert auf Zweirädern. Eine Anmietung ist günstig und ohne Probleme möglich. Zu Beginn ist das Fahren ungewohnt – der Linksverkehr und die Vielzahl an Rollern – aber die Freiheit siegt und wie immer im Leben ist alles nur Gewohnheit. Kulinarik im Glück Während der Siegeszug der indonesischen Küche noch auf sich warten lässt, trendet Balis Küche. Bekannte Speisen sind gebratener Reis, gebratene Nudeln und Fleischspieße mit Erdnusssoße. Doch die Insel bietet eine wesentlich größere kulinarische Vielfalt mit einigen der besten Restaurants Asiens ebenso wie den Garküchen. Auch hier wird Schweinefleisch gegessen – den balinesischen Hindus sind Rinder nicht heilig und sie werden köstlich zubereitet. Das Miteinander diverser Aromen sorgt für besondere Geschmackserlebnisse mit der würzigen Schärfe von Kräutern und Chili, der milden Süße von Kokosmilch und Erdnüssen, der fruchtigen Säure von Zitronengras, Limetten oder Tamarinde. Ein Kochkurs auf Bali bietet Gesellschaft mit Gleichgesinnten und viel Spaß vom Marktbesuch und dem Einkaufen der Speisen über das Zubereiten bis hin zum gemeinsamen Essen. Eine weitere indonesische Spezialität ist der Edelkaffee Kopi Luwak. Gourmets in aller Welt schwärmen vom komplexen Aroma des exklusiven Getränks. Der Kaffee wird aus den Exkrementen des in freier Wildbahn lebenden Fleckenmusangs hergestellt. Bei der Stinkfrucht Durian scheiden sich die Geister: Das malaiische Wort Duri bedeutet Stachel und so ähnelt die Frucht in ihrem Aussehen einer Kastanie. Es ist die Königin der Trockenfrüchte in Südostasien. Das Bouquet der Stinkfrucht liegt in der Nase – es klebt in der Luft. Unvergleichlich! Es riecht süßlich faul, penetrant wie Terpentin und ein wenig intim wie Körpergeruch. An jedem zweiten Marktstand wird die stachelige, gelbbraune und eiförmige Frucht angeboten. Auf den ersten Blick erscheint sie recht ansehnlich. Wer kosten möchte, kann das nur vor Ort tun: Sie darf aus gutem Grund nicht transportiert werden. Mit Bali verhält es sich ein wenig wie mit Durian: Erstmal drauf einlassen. Und der Reisende, der sich auf Bali einlässt, macht die Bekanntschaft mit tiefem, existenziellen Glück. Ralf Falkowski 91 Fotos: Ralf Falkowski, Heinrichsdobler


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