Jetzt mal ehrlich: Nils Ackermann

GVmanager_06_07_2016

Foto: privat Jetzt mal ehrlich! ... Nils Ackermann Tagebuch Nils Ackermann, Hausleiter im Haus am Moorteich, und seine Mitarbeiter bieten ihren Bewohnern eine Bioland-zertifizierte Versorgung. Die Pflegeeinrichtung in Bad Pyrmont war die erste in Deutschland, die dieses Zertifikat erhielt. kann das ein Restaurant, aber keine Pflegeein-richtung? Es sollte kein Alleinstellungsmerk-mal oder Marketinginstrument sein. Dass wir die ersten waren, war reiner Zufall. Ihre Speisenproduktion ist geprägt von einem hohen Bio-Anteil und einer regionalen Produktion – sollten andere GV-Betriebe diesem Beispiel folgen? Absolut! Ich verstehe es nicht, wenn z. B. ungarisches Rindfleisch bestellt wird, ob-wohl man gutes Angus-Fleisch direkt vor der Tür beziehen kann. In unserem Fall sage ich deshalb immer „unser Fleisch kommt nicht von der Autobahn, sondern von hier“. Verwendete Produkte sollten nachhaltig und saisonal sein, das war und ist mir sehr wich-tig. Der gesundheitliche Aspekt spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Meiner Auffassung nach befinden sich Gesundheit und Ernährung in einem Wechselspiel. Es ist ähnlich zu sehen, wie bei einem Auto. Wenn Sie schlechtes Ben-zin verwenden, können Sie auch nicht die volle Leistung abrufen. Deshalb würde ich eine Bio- Verpflegung immer anderen GV-Betrieben empfehlen, gerade im Pflegebereich. Die Pflegekassen sollten ebenfalls auf diese Art der Verpflegung aufmerksam werden. Ernäh-rung trägt nun mal maßgeblich zur Gesund-heit bei. Ich treffe immer wieder Kollegen, die sagen „nein, ich kann das nicht, ich würde es zwar gerne tun, aber wir müssen jeden Cent zusammenkratzen“ und am Ende passt es nicht in das Budget. Bio tun viele als zu teuer ab – konnte Sie das nicht von Ihrem Vorhaben abhalten? Nein, überhaupt nicht. Mir war von vornherein klar, dass es teurer wird, ich habe diesen Aspekt der Kosten jedoch bewusst außer Acht gelas-sen. Dass es deshalb Kompensationsgeschäfte gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Dank unserer Verpflegung können wir uns über eine außerordentliche Belegung freuen, denn wenn Sie wählen könnten zwischen zwei Pfle-geeinrichtungen und beide sind preisgleich, eine Einrichtung bietet Ihnen aber zusätzlich eine Verpflegung mit Bio-Kost, dann ist die Ent-scheidung schnell gefallen. Durch eine Versorgung, die Bioland-zertifi-ziert ist, bestehen höhere Anforderungen an die Planung der Kosten. Wie gehen Sie damit um? Wir haben einen täglichen Verpflegungssatz von 5,19 € von den Pflegekassen zugewiesen bekommen, in Niedersachsen sind 5 € die Obergrenze, die 19 ct erhalten wir durch die Bioland-Zertifizierung. Dennoch reicht der Ver-pflegungssatz für eine Verpflegung dieser Art bei Weitem nicht aus. Aber ich habe lieber ein gut gefülltes Haus und kann dadurch an ande-rer Stelle den Lebensmitteletat ausgleichen, der vielleicht manchmal ein wenig zu hoch ist. Bioland gibt eine Bio-Versorgung von min-destens 30 % vor, um die Zertifizierung zu erhalten. Wo liegt Ihr Bio-Anteil? Das ist richtig! Wir verpflichten uns sogar zu 80 %. Denn ich finde, dass man es auch ver-nünftig machen sollte, wenn man diesen ideel-len Gedanken einer Bio-Verpflegung hat – halb schwanger gibt es ja auch nicht. Wenn man sich also nur 30 % ans Revers heftet, ist es für mich das „Mäntelchen der Heuchelei”. Also: wenn Bio, dann richtig. Was ist Ihre größte Stärke und was Ihr größter Fehler? Meine Stärke ist es, Menschen zu finden, die vieles besser wissen und können als ich. Mein Fehler ist vielleicht, dass ich manchmal ein biss-chen zu euphorisch und zu optimistisch bin. Was bringt Sie auf die Palme? Unwahrheit und Ungerechtigkeit. Herr Ackermann, vielen Dank für das Gespräch! dan Herr Ackermann, Ihr Betrieb ist seit Mai 2014 Bioland-zertifiziert und war somit die erste Pflegeeinrichtung mit diesem Zerti-fikat. War das auch ein Ansporn, warum Sie sich für die Zertifizierung interessiert haben? Nein, das war im Grunde nur ein „Mitnahmeeffekt“. Die Idee selber ist in einem Fasten- Urlaub entstanden. Ich stand vor dem einen oder anderen guten Restaurant und wunderte mich, dass alle Bioland-zertifiziert waren und ihre Lebensmittel ausschließlich aus der Region bezogen. Da habe ich mich gefragt: Warum STECKBRIEF Alter: 44 Jahre Position: Hausleiter Werdegang: Ausbildung zum Kaufmann im Gesundheitswesen Essenszahl: ca. 100 Produktionssystem: Cook & Serve Mitarbeiterzahl: 8, davon 3 Köche 6-7 /2016 GVmanager 45


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