Interview - Dr. Maria Bullermann-Benend: Genuss statt Muss

GVmanager_06_07_2016

Fotos: © Do Ra – Fotolia.com, privat; Illustration: Lopez Ruiz Genuss statt Muss Kreativität und Fantasie sind ständige Begleiter, denn eine Standardlösung in puncto Ernährung gibt es in der Palliativversorgung nicht. Die Oecotrophologin Dr. Maria Bullermann-Benend gibt einen Einblick in ihre tägliche Arbeit. Frau Dr. Bullermann-Benend, was genau ver-steht man unter Patienten mit Palliativversor-gung? Mit der Bezeichnung „palliativ“ sind nicht nur diejenigen Personen mit einer onkologischen, sprich Tumorerkrankung, gemeint. Vielmehr verbirgt sich dahinter eine Gruppe von Men-schen, die unheilbar erkrankt sind. Dazu ge-hören auch Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder ALS. Diesen Personen soll eine umfassende pfle-gerische, psychische, soziale und spirituelle Betreuung und Begleitung zukommen. Im Fo-kus stehen hier aber nicht nur die Patienten, sondern auch die Angehörigen – das ist ganz wichtig. Welches Ziel wird damit verfolgt? Das Hauptziel ist die maximale Erhaltung der Lebensqualität bei Patienten mit einer relativ fortgeschrittenen Erkrankung und einer be-grenzten Lebenserwartung. Begonnen wird mit der Palliativ-Betreuung sobald eine aktiv-progressive Phase eintritt. Ein Beispiel wäre, dass bei einem Parkinson-Patienten Schluckstö-rungen auftreten. Hier spricht man dann von einer Palliativversorgung in puncto Ernährung. Welche Rolle nimmt die Ernährung im Rahmen der Palliativversorgung ein, setzt sich diese doch schließlich aus verschiedenen Aspekten zusammen? Das ist sehr differenziert zu sehen. Denn solan-ge ein Patient noch essen und trinken kann, hat die Ernährung sehr viel damit zu tun, die Lebensqualität desjenigen zu erhalten. Wird hier die Grenze überschritten, sprich die Nah-rungs- und Flüssigkeitsaufnahme ist nur noch erschwert oder unter Schmerzen möglich, gilt der Grundsatz „Genuss statt Muss“. Und am Lebensende geht es darum, dem Patienten die Freiheit zu lassen, nicht mehr essen und trin-ken zu müssen. Genau das muss auch den An-gehörigen nahe gebracht werden. Es gibt eine ganze Klaviatur an Möglichkeiten, wie Musik (Singen), Vorlesen, Einreibungen, Kompressen und Massagen, die neben Essen und Trinken als Zuwendung wohltuend sind. Für die Angehörigen ist das mit Sicherheit schwer zu akzeptieren... Das stimmt, denn Nahrung und Flüssigkeit sind Symbole für Leben und ihre Gabe wird als Hilfe und Fürsorge verstanden. Deshalb ist es nötig, dass Ernährungswissenschaftler darüber aufklären, dass die Flüssigkeitszufuhr in man-chen Phasen eher als belastend statt hilfreich empfunden wird. Es geht immer darum, den Patienten in seinem Willen zu unterstützen. Auch wenn die zu be-treuende Person vielleicht nicht mehr sprechen 26 GVmanager 6-7 /2016


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