Jetzt mal ehrlich: Stephan Miegel

GVmanager_03_2016

Foto: Diakonische Stiftung Wittekindshof Tagebuch Herr Miegel, in Ihrer Küche arbeiten Men-schen mit einer geistigen Behinderung. Wie funktioniert die Integration in die Küche? Zur Zeit arbeiten in unserer Küche 17 Men-schen mit einer Behinderung. Für eine gute Integration ist es wichtig, dass sie in der Küche verteilt arbeiten und nicht zusammen an einer Station: Wir haben sowohl in der Diätküche Menschen mit einer geistigen Behinderung als auch in der kalten Küche, in der Speisenvertei-lung, in der Spülküche – also wirklich überall. Die Integration in die Küche ist wirklich sehr leicht: Der Mensch wird hier als Mitarbeiter wahrgenommen und nicht als jemand, um den sich gekümmert werden muss. Mit dem Tag des Arbeitsbeginns verschwimmen diese Grenzen bei uns. Diese Art der Integration ist unglaublich wertvoll. Gab es anfängliche Berührungsängste seitens der anderen Mitarbeiter? Menschen mit Behinderung haben schon im-mer bei uns in der Küche gearbeitet. Dem-entsprechend war die Hürde, die wir nehmen mussten, gar nicht so groß. Fachkräfte führe ich beim Vorstellungsgespräch immer durch die Küche, ohne dass ich über die Menschen Jetzt mal ehrlich! ... Stephan Miegel Als Betriebsleiter der Diakonischen Dienstleistungsbetriebe Wittekindshof in Bad Oeynhausen schätzt Stephan Miegel besonders die Mitarbeit der Kollegen mit einer geistigen Behinderung und die Möglichkeiten, die ihm die Gemeinschaftsverpflegung für deren Integration bietet. mit geistiger Behinderung spreche. Im an-schließenden Gespräch sage ich dann immer: „Sie wissen, wir sind ein Integrationsunterneh-men, fast 50 % der Küchenmitarbeiter haben eine Schwerbehinderung. Jetzt sagen sie mir mal, welche das waren?” Meistens können mir die Bewerber darauf keine Antwort geben. Können Sie etwas von den Menschen mit geistiger Behinderung lernen? Auf jeden Fall! Für mich sind sie eine Art Früh-warnsystem, wenn es um Belastungsgrenzen geht. Das heißt, wenn ein Mitarbeiter mit ei-ner geistigen Behinderung weniger produktiv ist, muss ich die Gründe dafür hinterfragen – vielleicht wurde dann eine Belastungsgren-ze überschritten. Mitarbeiter mit Tarifvertrag und ohne eine geistige Behinderung, wür-den vielleicht drei, vier Wochen diese Belas-tung aushalten und dann möglicherweise ausfallen. Was ist für Sie die größte Herausforderung in der Küche? Die größte Herausfor-derung ist im Mo-ment die Bewälti-gung der „blanken Masse”. Dafür haben wir 2012 umgebaut, um so die verschiedenen An-forderungen zu stemmen. Schulen haben z. B. andere Anforderungen als der Wittekindshof oder die 500 Flüchtlinge, die wir nebenbei versorgen. Für die Versorgung der Flüchtlinge ist es wichtig zu beachten, dass wir die Essen ohne Schweinefleisch produzieren. Das be-inhaltet u. a. auch Gelatine. Bei den Schulen bilden z. B. die Portionen eine ganz andere Anforderung. Die sind wesentlich kleiner – das war ein schwieriger Lernprozess für uns. Und dann natürlich der große Block mit den Anforderungen an Speisen für junge und ältere Menschen mit einer geistigen Behinde-rung – von passierten Speisen über sämtliche Sonderkostformen bis hin zu z. B. glutenfreien Gerichten. Gibt es etwas, das Sie an der heutigen Gemeinschaftsverpflegung stört? Ja, und das deutlich! Was mich stört, ist immer der Gedanke von Außenstehenden, dass man als Großversorger super billig produzieren kann. Das stört mich unglaublich. Wenn man Qualität produzieren möchte, muss man Qualität kaufen. Ich kann nicht den billigs-ten Einkauf machen und das beste Essen daraus „zaubern”. Das funktioniert ein-fach nicht. Wenn z. B. Schulen auf mich Wollen auch Sie uns mal „die Meinung sagen“? Melden Sie sich bei uns: zukommen mit dem Wunsch nach einem Mittagessen für 2,50 € – am liebsten Bio und regional, dann lehne ich solche Anfragen mittlerweile ab. Abschließend: Der GVmanager kommt in Ihre Küche, was verstecken Sie als erstes? Mein Büro, weil ich gelernter Koch bin und kein gelernter Bürokaufmann. Dementspre-chend kann ich recht gut kochen, aber eher schlecht Ordnung in Büros halten. Danke für das Gespräch! dan Liebe Leser! STECKBRIEF Position: Betriebsleiter (seit 2012) Alter: 36 Jahre Werdegang: Koch-Ausbildung, Koch in verschiedenen À-la-carte- Restaurants, seit 2000 bei der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, Aus-bildung (089) 370 60-160 muc@blmedien.de zum Diakon, Fachrichtung Erzieher (2001), Studium Sozialmanagement (2008), seit 2010 Planung und Konzeption des Integrationsunternehmens Essenszahlen: Ø 2.000/Tag und ca. 600.000/Jahr Speisenangebot: Cook & Hold, drei Menüs zur Auswahl plus Sonderkostformen Mitarbeiter: 50 Mitarbeiter, davon 25 % Fachkräfte 62 GVmanager 3 /2016


GVmanager_03_2016
To see the actual publication please follow the link above