Johann Lafer's Schulmensa - Eröffnung mit Bildungsauftrag

Datum 09.11.2012 | Rubrik: Kita- & Schulverpflegung
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Sterne- und TV-Koch Johann Lafer eröffnete am 9.11.2012 im Gymnasium m Römerkastell, in Bad Kreuznach die erste „Schulmensa mit Bildungsauftrag". Das Projekt food@ucation, „Wissen was schmeckt", soll jetzt bundesweit Schule machen.

Der Anspruch ist hoch: TV-Koch Johann Lafer will mit seinem Modellprojekt zeigen, dass die Schulverpflegung in Deutschland ein Höhepunkt des Tages an den Schulen sein kann - und muss. Dabei will er das Essverhalten der Schüler sowohl durch ein entsprechendes Speiseangebot, wie auch durch eine ganzheitliche Ernährungsbildung nachhaltig verbessern. Zum Start der neuen Mensa war regionale und landesweite Politprominenz vor Ort, darunter die rheinland-pfälzischen Landesministerinnen für Bildung und Ernährung, Doris Ahnen und Ulrike Höfken. Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) aus Berlin, die ihr Kommen ursprünglich angekündigt hatte, sagte den Besuch kurzfristig ab.

Gesunde Versorgung

 
   
„Damit Kinder leistungsfähig und fit sein können, brauchen sie gutes und frisches Essen", betonte Ulrike Höfken, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung und Weinbau (Bündnis 90/Die Grünen) in der Talkrunde zur Eröffnung der neuen Mensa im Gymnasium am Römerkastell (RöKa). Daran nahmen u. a. Professor Dr. Georg Koscielny von der Hochschule Fulda, der Schuldirektor Hermann Bläsius, Mitglieder der Schüler- und Elternvertretung sowie der Landrat Franz-Josef Diel teil. Die Ministerin hob hervor, dass eine gute Schulverpflegung die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen sei. Dabei gehe es um mehr als nur die Versorgung mit Nährstoffen und Energie. Ernährung sei ein wichtiger Bestandteil des sozialen Zusammenlebens und die Schüler sollten den Wert von gutem Essen schätzen lernen. 

Prof. Georg Koscielny betonte die Tatsache, dass seines Wissens, das RöKa das erste Gymnasium in Deutschland sei, das über eine gläserne Schulküche in der Mensa verfügt. „Wir betreiben hier Unterstützung von Bildung in Form von Essen", lautete die klare Zielvorgabe von Johann Lafer. Vergleichbares gäbe es bislang nicht. Der Sterne-Koch übt heftige Kritik daran, dass in der Bildungspolitik die Ernährung der Schulkinder noch immer eine untergeordnete Rolle spielt. Staatliche Regelungen zur Schulverpflegung oder einen TÜV für Schulmensen existiere bislang nicht. „Wenn wir so weitermachen, können wir uns unser Gesundheitssystem bald nicht mehr leisten." Deutschlandweit gebe es allein 9 Mio. Diabetiker. „Das sind mehr, als Österreich Einwohner hat", betonte der gebürtige Steirer.

Schmackhafte Ernährungsbildung

   
   
Das Projekt der Modell-Mensa sollte ursprünglich an der Integrierten Gesamtschule in Stromberg (Hunsrück) verwirklicht werden. Dies war jedoch aus räumlichen und fördertechnischen Gründen nicht möglich, sodass die Entscheidung zu Gunsten des Gymnasiums am Römerkastell in Bad Kreuznach fiel. Durch ein neu eingeführtes Ganztagsangebot bestand dort ohnehin der Bedarf zum Bau einer Mensa. Landrat Franz-Josef Diel freut sich sehr, dass das Projekt in Anwesenheit von über 300 Gästen erfolgreich an den Start gehen konnte und er hofft, dass diese Idee „Schule macht". Die fest angestellte Schul-Oecotrophologin, M. Sc. Tina Gareis, wird die Schüler künftig über gesundes Essen aufklären und als Schnittstellenmanagerin zwischen der Mensa und der schulischen Ernährungs- und Verbraucherbildung fungieren. Zu ihren Zielen gehört u. a., das Bewusstsein für gutes, frisches und gesundes Essen zu schärfen und erweitern. Im Rahmen einer Koch-AG und eines Mensabeirats werden die Schüler eng in die Speiseplangestaltung der Mensa eingebunden. So wird das Konzept der Ernährungsbildung mit dem Konzept des Verpflegungsangebots verzahnt - Bildung und Gesundheit folglich „essbar" miteinander verknüpft. Das Konzept baut auf die Richtlinie der Verbraucherbildung an allgemeinbildenden Schulen in Rheinland-Pfalz auf und orientiert sich an dem Qualitätsstandard für die Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das Mitbestimmungsmodell der Schüler soll auch im laufenden Mensa-Betrieb beibehalten werden. „Sie sind ja schließlich unsere Kunden", bringt es Johann Lafer auf den Punkt.

Revolutionäre Vorstellung

   
   
Johann Lafer sieht sein Projekt als besondere Herausforderung: „Ich will mich ja nicht selbst verwirklichen, sondern die Ernährung von Schulkindern revolutionieren", betont er. „Die Frage der Verpflegung der Ganztagsschüler kommt oft ganz zum Schluss und erscheint als notwendiges Übel", beklagte der Sterne-Koch erst kürzlich in einem Interview des Magazins Focus-Schule. Manche Bundesländer veranschlagten für ein Schulessen nur 2 E. „Dafür kann man sicher nicht die Qualität liefern, die für ein gesundes, ausgewogenes Essen notwendig ist. Vom Geschmack ganz zu schweigen", sagte der Mensachef. „Das will ich ändern! Nur wer gut isst, schreibt auch gute Noten." Was die Finanzen betrifft, ärgert sich Johann Lafer über die bundesweite Steuerpolitik und gab den Ministerinnen mit auf den Weg: „Pro Essen zahlen wir 19 % Mehrwertsteuer. Für Kondome oder Tiernahrung werden 7 % verlangt, für gesundes Schulessen also fast das Dreifache. Da stimmt doch etwas im System nicht!"
In seiner Schulmensa werde es normales, „aber frisches, saisonales Essen" geben. Die Mensa ist zu 100 % sein Unternehmen, in das er „sehr viel Geld investiert" hat. Es sei ihm eine Herzensangelegenheit und er habe nicht vor, damit in negative Schlagzeilen zu kommen. Aber wenn er nach anderthalb Jahren feststelle, dass es doch nicht funktioniere, dann werde er auch damit fertig werden. Von Beginn an setzt er auf volle Transparenz. Mit seinen 30 Mitarbeitern will er beweisen, dass sich auch Schulkinder für gutes Essen begeistern lassen - und das für höchstens 3,99 E pro Gericht, 1 E davon gibt der Landkreis. Die Kosten für die Modell-Mensa betragen rund 4 Mio. E, die vom Kreis Bad Kreuznach finanziert und vom Land Rheinland-Pfalz mit 2,8 Mio. E gefördert wurden. Ab sofort können sich die 1.200 Schüler des Gymnasiums auf ein umfassend neues Verpflegungskonzept freuen. Die „Genuss-Mensa" definiert sich nicht nur über gesunde, geschmackvolle Speisen, sondern soll ein gemütlicher, entspannter Ort der Begegnung werden - ein ausdrücklicher Wunsch der Schüler.

Neubau mit Zukunft

   
   
Die Mensa, oder besser gesagt: das Schulrestaurant, befindet sich in einem neuen Gebäude in Holzbauweise in Passivhausstandard. An den Speiseraum gliedern sich die Küche und der Versorgungstrakt an. Der Speiseraum öffnet sich mit einer Glasfront an der Südseite zur anschließenden Terrasse und zum bestehenden Schulhof. Naturbelassene Baustoffe wie Eichenholz, farbige Filzelemente und Stuhlskulpturen geben dem Raum eine einzigartige Atmosphäre. Moderne Küchentechnik steht Johann Lafers Team von zehn Festangestellten sowie einigen Aushilfen und ehrenamtlichen Helfern vor und hinter den Ausgaben zur Verfügung (vgl. Kasten). Vorerst werden ca. 200 Schüler regelmäßig in der Mensa essen - täglich steht ihnen ein Tages- und ein vegetarisches Gericht zur Auswahl.
Doch was nützt die beste Schulverpflegung, wenn die Eltern der Schüler nicht mit im Boot sind? Um diese für die Mensa zu begeistern, wurden sie zwei Tage lang mit ihren Sprösslingen zum kostenlosen Probeessen eingeladen: 1.600 kamen und waren des Lobes voll. dmp

Hintergrundinformation: 

   
   

Die Initiative food@ucation wurde von Sternekoch und Unternehmer Johann Lafer ins Leben gerufen. Ziel ist es, das Essverhalten der Schüler sowohl durch ein entsprechendes Speiseangebot als auch durch eine ganzheitliche Ernährungsbildung nachhaltig zu verbessern. Das Projekt wird von der Hochschule Fulda wissenschaftlich begleitet. Dabei will untersuchen, ob die Schaffung eines solchen Angebots unter Partizipation von Schülern und Eltern langfristig einen Bewusstseins- und auch Handlungswandel in Bezug auf Ernährung bewirken kann. www.foodeducation.de/

 

 

Fotos: Markus Hildebrand, Polster 



Autor: lan/dmp
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