Kleine Raumwunder

Wellness Ja oder Nein - diese Frage kann sich ein First-Class-Hotel heute gar nicht mehr stellen. Wellness muss sein, auch wenn dafür nur wenig Fläche im Hotel zur Verfügung steht. Wie stark das Motto „weniger ist mehr" wirken kann und welche Möglichkeiten Dächer bieten, das zeigen einige Beispiele eindrucksvoll. Saunieren auf einer Burg und danach ein Schluck Quellwasser auf der Sonnenterrasse mit Blick auf die Thüringer Landschaft - kaum zu glauben, dass diesem „kleinen Glück" im Hotel auf der Wartburg in Eisenach lange und zähe Verhandlungen vorausgingen. Doch bei fast 100 Jahre alten Mauern auf felsigem Grund, einer Maximalfläche von 150 m² und einer strengen Denkmalschutzbehörde kommt fast alles zusammen, was gegen die Entscheidung für einen kleinen Spa-Bereich spricht. „Doch wir wollten unseren Gästen neben Kultur, Geschichte, Natur und Kulinarik auch ein Verwöhn- und Entspannungsprogramm bieten", berichtet Dorothee Schmidt, die PR & Marketing-Verantwortliche des Fünf-Sterne-Hotels. Dafür musste „lediglich" eine Wand weichen und eine Außenterrasse extra errichtet werden. „Die Genehmigungen ergingen, weil die Außengestaltung des Hotels nicht beeinflusst wurde und die Außenterrasse eine Einmaligkeit und Besonderheit darstellt", berichtet Dorothee Schmidt. Im Jahr 2004 eröffnete der „Jungbrunnen" und verfügt heute über eine große Finnische Sauna, eine Erlebnisdusche, eine Sonnenterrasse und einen Ruhebereich, in dessen Mitte sich ein Trinkbrunnen mit dem Wasser aus der eigenen Wartburgquelle befindet. Als Sauna-Suite kann der Bereich für eine Gruppe von bis zu acht Personen exklusiv abends gebucht werden. Darüber hinaus gibt es einen Fitnessraum mit Laufband, Crosstrainer und Lifecycle-Sitzergometer sowie ein Massage- und Beautybereich mit Kosmetik und klassischen Massagen, der von Partnern aus Eisenach betrieben wird. Wegen der hohen Denkmalschutzauflagen, der besonderen Architektur des Gebäudes und der exponierten Lage waren die Kosten höher als üblich. Das Ergebnis rechtfertigt aber die Investition, ist sich das Hotel sicher. Der Vitalbereich wird das ganze Jahr über oft und gern sowohl von den individuellen Einzelreisenden als auch von den Tagungs- und Geschäftsreisenden genutzt.

Anders, statt neu

Einen ebenso großen Zuspruch von seinen Gästen erfährt auch das ähnlich alte Schlosshotel Mespelbrunn in Mespelbrunn. Das Vier-Sterne-Hotel im Spessart, das mit der neuen Wellness Lounge ein größeres Angebot in einem exklusiv ausgestatteten Spa anbieten wollte, hätte allerdings die räumlichen Möglichkeiten für einen Anbau gehabt. Durch eine maßgeschneiderte Lösung auf kleinem Raum konnte sich das Haus die Kosten dafür jedoch sparen. Davon überzeugte sie der Thermenplaner Hilpert, indem er die bereits vor dem Umbau vorhandene Wellnessfläche im Erdgeschoss offen und großzügiger wirkend neu gestaltete. Auf nicht mehr als 75 m² erwartet die Gäste seit Dezember 2009 eine Finnische Sauna und ein Dampfbad, Vitalduschen, eine Wärmebank mit wechselwarmen Fußbädern und einen Quellwassertrinkbrunnen. Darüber hinaus gibt es zwei Einzelwhirlpools mit Panoramablick, einen Sonnenraum und einen Ruheraum mit offenem Kamin und Zugang zur Terrasse. Warme Farbtöne wie Schoko und Bahama-Beige treffen auf raumtrennende Elemente, die Sichtschutz bieten. Durch die diagonale Anordnung der Wände und Bodenbeläge entstehen viele kleine Nischen und Ecken, in denen die Spa-Technik untergebracht ist. Auch im Unterhalt mindert das neue Spa den bisherigen Aufwand und die Kosten. So lassen sich die beiden Einzel-Whirlpools wegen der geringeren Wasseraufnahmekapazität wesentlich wirtschaftlicher betreiben als der große Vorgänger-Whirlpool. Zudem ist die Reinigung durch die Verwendung der großformatigeren Keramik, die Hilpert selbst herstellt, und ihrer widerstandsfähigen Oberfläche pflegeleichter und hygienischer geworden. Die Keramik bekleidet auch die warmen Bänke im Dampfbad und Spa-Zentrum, rahmt Wannen und Türen, verleiht dem Brunnen seine geometrische Form und bildet den feuerfesten Belag am Kamin. Der stellvertretende Geschäftsführer Christian Schreck ist von der alternativen Lösung begeistert und sieht alle seine Vorstellungen ohne Anbau großzügig umgesetzt.

Gläsernes Dach-Refugium

Im Hotel Kleber Post in Bad Saulgau spielte Jahrzehnte lang das Angebot von Wellness bis zum Umbau, der vor gut einem Jahr abgeschlossen wurde, keine Rolle. Dabei gingen in dem Traditionshotel, dessen Ursprünge bis in das 17. Jahrhundert zurückgehen, Persönlichkeiten wie François Mitterand oder Ernst Jünger mehr oder weniger ein und aus. In diesen Tagen kommt das Hotel jedoch an keinem Wellnessbereich mehr vorbei, ist sich das neue Betreiber-Ehepaar Christine und Egon-Michael Durach sicher - „auch wenn der neugeschaffene Wellnessbereich im Hotel heute tatsächlich nur von etwa zehn bis 15 % der Gäste genutzt wird", berichten beide. Nachdem verschiedenste Möglichkeiten im Keller und in einem der Stockwerke diskutiert wurden, ist das Dach zum schönsten Platz auserkoren worden. Dafür wurde im Vorfeld abgeklärt, ob der Aufzug und die Treppe bis zum Flachdach verlängert werden können, und es wurde eine zusätzliche tragende Wand eingebaut. Auf einer Fläche von 250 m² entstand schließlich in Holzständerleichtbauweise ein gläserner Wellnessbereich mit Terrasse. Mit freiem Blick auf die Dächer der Stadt können die Gäste hier eine Finnische Sauna, eine Biosauna, einen Whirlpool und das Solarium nutzen. Ein 35 m² großer Fitnessraum steht zur freien Verfügung. Als Kompromiss gibt es nur einen Raum für Massagen, der auch von einer Physio-Praxis mitgenutzt wird. Die Kosmetikangebote sind in der im Ort ansässigen, nahe gelegenen Parfümerie zu finden. Im Hotel wären zwar Erweiterungen des Entspannungsbereiches grundsätzlich möglich, aber diese sind im Moment kein Thema, da sich das Hotel Kleber Post doch eher als ein Geschäftshotel und weniger als ein reines Wellnesshotel versteht.

Das gewisse Extra

Hoch hinaus geht es schließlich auch im Alm-Hotel Restaurant Forsthofalm im österreichischen Leogang. Mit dem „Spanorama" setzt man auch hier auf das ultimative Wellnesserlebnis auf dem Dach samt eines 360-Grad-Panoramablicks. Eine Bio-Kräutersauna, Finnische Sauna, Infrarotsauna, ein Sole-Dampfbad, verschiedene Ruhebereiche, eine Vitaminbar sowie zwei Behandlungsräume für Massagen und Beautyanwendungen verteilen sich auf einer Fläche von 220 m². Um ein abwechslungsreiches Fitnessprogramm zu erleben, verweist man auf die Möglichkeiten in der unmittelbaren Natur, die das Hotel umgibt. Für die Gäste ist das Spanorama ein wichtiges Zusatzangebot und ein Buchungsargument, vor allem, in der Vor- und Nachsaison, betont das Hotel. Sie schätzen die besondere Aufmachung, den exklusiven Ausblick und die Qualität der Behandlungen. Ein Gewinn stehe bei dem Wellnessbereich nicht unbedingt im Vordergrund, sondern eher die Generierung einer guten Hotelauslastung. Überraschungen bei den Baukosten gab es auch bei diesem Hotel nicht. Der Wellnessbereich sei optimal auf die Größe des gesamten Hauses abgestimmt, Erweiterungen sind aber durchaus möglich. Man mag es vielleicht kaum noch hören, aber wie so oft ist weniger oft mehr. Für Häuser, die keine Wellnesshotels sind, aber dennoch als First-Class-Hotel den Gästen Wellness als Zusatzangebot offerieren wollen, schaffen kleine, exklusive Wellnessbereiche oft das gewisse Extra in einem Hotel. Auch wenn nur wenig Fläche zur Verfügung steht, können Planer heute oft problemlos maßgeschneiderte Lösungen entwickeln. Übrigens, einen Pool vermisste in den vorgestellten Hotels kaum einer der Gäste, auch wenn viele Studien immer wieder das Gegenteil behaupten wollen. Wellness kann eben auch anders erlebt werden. Sylvie Konzack



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